Letzte Woche hatte ich Geburtstag. Ich bekam an diesem Tag insgesamt etwa 50 Glückwünsche, mehr als die Hälfte davon von Menschen, die ich noch nie persönlich getroffen habe. Dafür haben meine beiden besten Freunde diesen Tag vergessen, denn sie sind beide weder bei Facebook noch bei Twitter. Und ein alter Schulkamerad, der mir per Email gratulierte, wünschte mir etwas, über das ich mich bis heute wundere:
“Alles Gute und bleib sauber! Vor allem Gesundheit und gönn dir mal paar Internet-freie Tage!”
Er wünscht mir, dass ich mal Pause vom Internet mache. Als wäre das Internet eine pflegebedürftige Großmutter, um die ich mich jeden Tag mehrere Stunden lang kümmern müsste und keine Zeit mehr für andere Dinge hätte.
Hm.
Mein Schulfreund weiß, dass ich als Webdeveloper und Autor meinen kompletten Lebensunterhalt mit, durch und über das Internet verdiene. Dass ich nicht wie er am Monatsanfang eine stattliche Überweisung von Siemens auf meinem Konto begrüßen kann, egal, ob ich krank bin oder im Urlaub bin. Arbeite ich nicht, verdiene ich nichts. Mir also zu wünschen, mal ein paar Tage ohne Internet zu leben, kann ich mit gutem Willen als “Mach mal Urlaub vom Freelancersein” oder mit schlechtem Willen als “Wenn Du Dich nur noch im Netz rumtreibst, vernerdest und isolierst Du Dich noch vollständig” interpretieren. Aber egal wie ich es drehe oder wende, ich verstehe einfach nicht wie man jemandem explizit “Internet-freie Tage” wünschen kann. Damit ich wieder mehr fernsehe? Oder mir am Kiosk Nachrichten von vor 24 Stunden kaufe? Dass ich meinem Schulfreund eine Postkarte schicke? Dass ich mal wieder Vinyl-Platten höre und auf Spotify verzichte? Dass ich statt auf Google Maps nachzusehen beim Tankwart die richtige Strecke nach Kleinmachnow erfrage? Dass ich nicht im iTunes Store suche, sondern in die Videothek gehe und dort nach der dritten Staffel von den “Gilmore Girls” frage?
Der Wunsch, das Internet für gewisse Zeit komplett zu verlassen, ist aber alles andere als exklusiv, wie ich erschrocken feststellen musste. Besonders in der Urlaubszeit höre ich immer wieder “Ach schön, endlich mal ein paar Tage ganz ohne Internet!”. Und es ist fast schon zu einer Randsportart geworden, sich selbst mit Internetverbot (und als Schwierigkeitsstufe 1 auch gleich mit Mobiltelefonverbot) zu belegen und der Welt dann davon zu berichten. Eine kurze Recherche brachte einige Beispiele zutage:
Bereits vor zwei Jahren versuchte Richard Gutjahr (ja, der mit dem ersten iPad) eine Woche komplett offline zu leben. Und er stellte damals fest, dass er grandios gescheitert sei.
Studenten der Hochschule Furtwangen verzichteten eine Woche lang auf Internet und Mobiltelefone. Und das mitten im Semester. “[Schlimm ist] das ständige Gefühl und die chronisch lauernde Gefahr, bei den anderen und bei den Professoren als Hinterwäldler dazustehen.”Wie, du nutzt kein Internet?” Ich hatte einmal eine Freundin, die in einer Sekte war und viele Dinge nicht durfte. Ich kann sie jetzt gut verstehen. Die anderen verstehen einfach nicht, warum ich etwas scheinbar Selbstverständliches nicht tue.”
Von Dezember 2009 bis Mai 2010 hielt es der Süddeutsche-Redakteur Alex Rühle ohne Internet aus: “[...] es war auch eine wunderbare Zeit, in der ich konzentriert und ‚unabgelenkt’ arbeiten konnte. Es gab keine ‚Aufmerksamkeits-Zerstäubung’, wie zuvor. Und die Trennung Job/Familie war extremer: Ich hatte sehr ruhige Abende, habe meine Frau, die Kinder, die Freunde intensiver erlebt. Ach ja: Und ohne Amazon hab’ ich herrliche Buchläden entdeckt [...]“. Rühle schrieb über seine “digitale Fastenzeit” ein Buch – “Ohne Netz” ist natürlich auch im Internet erhältlich.
Ähnlich, nur etwas weniger extrem machte es Christoph Koch. 40 Tage lang ohne Internet und Mobiltelefon versuchte es der Autor auszuhalten: “Als ich mich nach dem Ende des Selbstversuchs wieder eingeloggt habe, habe ich mehrere Mails gefunden von Redaktionen, die mir in dieser Zeit Aufträge gegeben hätten. Es bekam zwar jeder, der mir gemailt hat, eine automatische Antwort mit Festnetznummer und Postadresse. Aber darauf haben die nicht reagiert. [...] Da waren insgesamt vier Aufträge einfach weg. Für Freiberufler ist eine Netz- und Handy-Abstinenz langfristig nicht machbar – aber für die meisten Festangestellten wiederum auch nicht, weil es der Chef nicht erlauben würde.” Seine ausführlich geschilderten Erfahrungen kann man jetzt ebenso wie Rühles “Ohne Netz” in Buchform kaufen – “Ich bin dann mal offline” kann man selbstverständlich online kaufen.
Der Comiczeichner James Sturm bloggte zweiwöchentlich auf slate.com über seine viermonatige Abstinenz vom Internet. Nach dem Wiedereinstieg schrieb er: “I had secretly hoped to be transformed by these last four months. I wanted to become a new person—someone with my hand firmly on the rudder of my destiny, fearless as I re-enter the Internet’s treacherous waters. Instead I feel like I’m returning from an awesome vacation, and now I have to just suck it up and get back to work.”
Was alle mehr oder weniger gleich sagen: Ohne Internet ist es schwer, wenn nicht sogar unmöglich, seine Arbeit zu machen. Und ohne Internet verpasst man mehr soziale Interaktionen, als man durch intensivere persönliche Kontakte hinzugewinnt (gestrichen wegen Sinnlosigkeit). Soweit, so vorhersehbar. Eine Sache, die mich allerdings bei der Recherche kopfkratzend zurückgelassen hat: Menschen führen einen Selbstversuch durch und verzichten eine gewisse Zeit X auf Internet. Um dann im Internet darüber zu berichten. Vielleicht bin ich zu jung dafür, aber ich glaube nicht, dass früher Leute wochenlang auf das Fernsehen verzichtet haben und dazu eine eigene Fernsehsendung bekamen. Oder kein Radio mehr gehört haben und dann auf RIAS Berlin dazu interviewt wurden. Oder keine Dampfloks mehr benutzt haben und dann auf dem Bahnhof allen Menschen davon erzählten.
Menschen sind komisch.
[foto: CC kyz]