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IT + GxP = GAMP 5

Tabletten

„Critical Finding“

So lautet die unangenehme Nachricht nach dem IT-Qualitäts-Audit im Unternehmen. Die langjährige Geschäftsbeziehung mit dem bisher besten Kunden, der das Audit durchgeführt hat, ist nun Vergangenheit. Wurde ein behördliches Audit durchgeführt, stehen womöglich wesentliche Produktentwicklungen vor dem Aus.

Freelanced: Selbstbestimmt Leben und Arbeiten

Coffee Break von 3EyePanda via Flickr (Creative Commons 2.0)

Coffee Break von 3EyePanda via Flickr (Creative Commons 2.0)

Am Tag der Arbeit hat Sascha Lobo einen sehr interessanten Artikel auf Spiegel Online verfasst. Ein Thema ist die abhängige vernetzte Beschäftigung in der Cloud und zukünftige freie und flexible Beschäftigungsmodelle. Zitat aus dem Artikel von Sascha Lobo: “Denn die Vielen verwechseln noch immer so etwas Wunderbares wie einen Beruf mit etwas so grauenvollem wie Karriere”. Diesen Artikel habe ich daher zum Anlass genommen, den selbstbestimmten Markt der IT-Freiberufler oder der Freelancer im Allgemeinen ein wenig genauer zu beleuchten und die Chancen für die Unternehmen aufzuzählen, die sich aus der Zusammenarbeit mit zufriedenen und selbstbewussten Freelancern ergeben können.

Datenschutz: Von Jägern und Sammlern

EU-Datenschutz: Schutz natürlicher Personen bei der Verarbeitung personenbezogener Daten
EU-Datenschutz: Schutz natürlicher Personen bei der Verarbeitung personenbezogener Daten

EU-Datenschutz: Schutz natürlicher Personen bei der Verarbeitung personenbezogener Daten

Was passiert mit meinen Daten? Könnte womöglich jemand Schaden damit anrichten? Und welche Möglichkeiten habe ich als Privatperson oder Unternehmen, meine gespeicherten Daten einzufordern und mitzunehmen?

“Schutz persönlicher Daten”:

So nennt sich eine gewaltige Datenschutzreform der EU-Kommision, um uns vor Datensammlern, Datenverwertern und Datenschleudern zu schützen. Doch auch Unternehmen fragen nicht zu Unrecht, welche behördlichen Auflagen sie in Zukunft wohl einhalten müssen.

DE-Mail – steiniger Weg zum Briefersatz

demail

Dass die Chefs der Deutschen Post den Aufstieg der Email mit Schrecken verfolgt haben dürften, kann sich jeder vorstellen. Da kam plötzlich ein direktes Konkurrenzprodukt, das wesentlich günstiger (wenn nicht sogar kostenlos) angeboten wurde und für das die natürlichen Limitierungen von Papier und Tinte nicht zu gelten schienen.
Bis heute ist der einzige handfeste Nachteil der Email das Nichterfüllen der gesetzlichen Formvorschriften. Deshalb greifen wir immer noch nach Umschlag und Briefmarke, wenn es z.B. um eine Kündigung geht.

Join Anti-Facebook

Das Projekt Diaspora geistert nun schon seit Monaten durchs Netz. Angefangen hatte es damit, dass auf der Funding-Plattform Kickstarter die Idee zu einem dezentralisierten Sozialen Netzwerk vorgestellt wurde, bei dem jeder Nutzer die volle Kontrolle über seine eigenen Daten behält. 10.000 Dollar sollten als Spenden eingesammelt werden, um die Diaspora-Idee “Freedom in the Cloud”, die erstmalig am 5. Februar 2010 in einem Vortrag von Eben Moglen vorgestellt wurde, umsetzen zu können. Erzielt wurden Einnahmen von über 200.000 Dollar und den multimedialen Hype bekamen die Initiatoren noch gratis obendrauf.

Natürlich stellt sich im ersten Moment die Frage: “Noch ein soziales Netzwerk? Braucht das jemand? Will das wer?”

Aber dann fällt einem schnell wieder ein, was an Facebook alles doof ist. Der Hype um Diaspora wurde im Frühjahr zu einem Großteil dadurch gefüttert, dass viele Leute den richtigen Zeitpunkt für eine neue, bessere Community sehen. Eine Community, die an den Punkten ansetzt, für die Facebook im Laufe der Zeit immer heftiger zurecht kritisiert wurde.

Diaspora ermöglicht es dir, deine Kontakte in sogenannten Aspekten zu verwalten. Das Einzigartige an Diaspora ist, dass du mit Aspekten kontrollieren kannst, mit welchen Menschen du deine Fotos, Geschichten und Witze teilst.

Ich kann selbst auswählen und einstellen, welche Personengruppen welche von mir veröffentlichten Inhalte sehen dürfen. Also kann ich zum Beispiel mit Freunden und Kollegen vernetzt sein, aber mithilfe der Aspekte einstellen, dass mein Gemecker während der Arbeit nicht von den Kollegen mitgelesen werden kann. Toll!

Deine Bilder gehören dir und du solltest das nicht aufgeben müssen, um sie zu teilen. Bei Diaspora gehört dein Bild immer dir und du hast die volle Kontrolle, wie es vervielfältigt wird.

Ich trete beim Hochladen und Veröffentlichen meiner Daten keine Nutzungsrechte ab. Zum Vergleich: Zwischendurch gab es bei Facebook sogar die Nutzungsbedingung, dass Facebook die Daten von Mitgliedern selbst nach Löschung selbiger bzw. nach Deaktivierung des kompletten Nutzerkontos zeitlich unbegrenzt verwenden durfte. 2:0 für Diaspora.

Diaspora macht das teilen sauber und einfach – das gilt ganz besonders für deine Privatsphäre. Diaspora ist von sich aus privat; es gibt deswegen gibt es keine komplizierten Einstellungen um dein Profil sicher zu machen.

Gerüchten zufolge schaffen es nicht mal die inselbegabten Facebookmitarbeiter, alle möglichen Privatsphäre-, Anwendungs- und Kontoeinstellungen fehlerfrei aufzählen zu können. Diaspora geht genau den umgekehrten Weg: Alles ist privat, alles bleibt in der Kontrolle des Nutzers und er kann einfach und schnell selbst entscheiden, welche Personengruppen (Aspekte) was sehen kann.

Das Prinzip Kontrolle der eigenen Daten manifestiert sich darin, dass jeder Nutzer seine eigene Diaspora-Filiale eröffnen kann. Diaspora ist demnach eine Art “soziales Netzwerk-Netzwerk”: Es ist eine Ansammlung verschiedener Server, “Pods” genannt, die untereinander vernetzt sind und verschlüsselt miteinander kommunizieren. Jeder Nutzer loggt sich in seinem selbst gewählten “Heimpod” ein, das kann der Pod der Universität sein oder der, der im dunklen Kämmerchen des besten Geekfreunds steht. Egal wo der Pod sich befindet, er kann mit allen anderen Nutzern im Diasporanetzwerk sicher kommunizieren.

Diaspora wird in der Programmiersprache Ruby entwickelt, speichert die Daten in einer MongoDB-Datenbank und nutzt zur Verschlüsselung der Daten GnuPG.

Diaspora wurde gestern als Alpha-Version gelauncht. Man kann sich auf Diaspora anmelden und auf eine Einladung warten oder jemanden ansprechen, der bereits angemeldet ist und noch Einladungen verschicken kann.

Liebe Tante Gerda,

vielen Dank für Deinen lieben Brief und das beigelegte Geld. Ich habe mich sehr darüber gefreut, aber Du weißt ja, dass Du mir wirklich kein Geld mehr schicken brauchst.

Ich hätte natürlich schon viel früher wissen müssen, dass ich Dir näher erklären sollte, womit ich mein Geld verdiene, als Du mich in Deinem vorletzten Brief nach meinem neuen Beruf gefragt hast. Es war dumm von mir, Dir einfach nur zu schreiben: “Web 2.0 und Social Media”. Entschuldige bitte. Hättest Du mir damals als Kind, als ich Dich danach gefragt habe, was Du beruflich machst, einfach nur gesagt, dass Du Schnitzelteile und Stelze aus dem Schlögl tranchierst, hätte ich auch nicht gewusst was das ist.

Darum möchte ich Dir jetzt erklären, was ich tue.

Erinnerst Du Dich noch, als Du Mitte der Neunziger ein neues Kochtopfset brauchtest? Ich weiß noch wie Du eines Abends erst bei Deinen Nachbarn, und zehn Minuten später noch bei Tante Sieglinde angerufen hast, um sie zu fragen, welche Töpfe sie benutzen, wo sie sie gekauft hätten, wie teuer sie gewesen wären und ob sie damit zufrieden seien. Die Nachbarn hatten sehr teure Töpfe, die sie Dir dringend empfohlen, aber Du wolltest nicht so viel Geld ausgeben. Tante Sieglinde hatte ihre Töpfe sehr günstig in so einem Sonderpostengeschäft gefunden, ärgerte sich aber darüber, dass das Essen oft anbrannte und man die Griffe nicht ohne Topflappen anfassen konnte. Du warst nach den Telefonaten nicht schlauer als vorher und hast dann zwei Wochen später im Kaufhaus diese mittelteuren Töpfe gekauft, von denen die Verkäuferin mit diesem treudoofen Blick meinte, dass es das beliebteste Topfset aller Kunden wäre.

Das Essen, das Du damit gekocht hast, war meist gut. Aber Du hast Dich am Anfang darüber beschwert, dass die Deckel nicht ganz auf die Töpfe passten und dass sie schon nach dem zweiten Abwasch nicht mehr komplett sauber wurden. Als Du versucht hast, die Töpfe zu reklamieren, sagte man Dir im Kaufhaus, dass Du Dich direkt an den Hersteller wenden und die Töpfe einschicken müsstest. Aber sie konnten Dir nicht sagen, an welche Adresse Du schreiben musst und wie die Reklamation genau funktionierte. Also hast Du Dich mit den Töpfen arrangiert, ohne so richtig glücklich mit ihnen zu sein. Weiterempfohlen hast Du sie nie, wenn Du von den Frauen aus der Wandergruppe gefragt wurdest.

Vom neuen Topfset, das Dir Horst zu Eurem Hochzeitstag geschenkt hat, bist Du auch nach über einem Jahr noch sehr begeistert, wie Du immer sagst. Um das perfekte Topfset für Deine Bedürfnisse auszusuchen, hatte mich Horst zwei Wochen vor dem Hochzeitstag angerufen. Nicht, weil ich ein Topfexperte wäre, sondern weil er wusste, dass ich auch schon beim Kauf von Omas neuem Rollator im Internet nützliche Tipps gefunden hatte und Oma ihr Gefährt sehr mochte.

Zusammen mit Horst habe ich mich dann an meinen Laptop gesetzt und im Internet nach Testberichten für Topfsets gesucht. So konnten wir uns erstmal überhaupt einen Überblick verschaffen, wie viele verschiedenen Topfvariationen zu welchen Preisen es gibt. Und wir erfuhren, welche Eigenschaften wichtig sind und einen guten Topf ausmachten. Wir erstellten zusammen eine Vorauswahl und suchten zu jedem dieser Topfsets dann Meinungen von Kunden, die sie gekauft hatten. Horst konnte gut einschätzen was Dir an einem neuen Topfset wichtig ist, also achteten wir besonders auf diese Aussagen. Und Deiner Begeisterung nach zu urteilen, haben wir uns im Endeffekt genau für das richtige Topfset entschieden.

Das – ungefähr – ist Web 2.0: Viele Menschen machen dabei mit, sich im Internet über Dinge zu unterhalten. Und andere Menschen profitieren von diesen Unterhaltungen, weil sie dadurch ihr Wissen vergrößern und bessere Entscheidungen treffen können.

Du hattest es bei Deinem alten Topfset ja schnell aufgegeben, zu versuchen, es beim Hersteller zu reklamieren, weil Du keine Ahnung hattest, wie Du mit dem Unternehmen überhaupt direkt in Kontakt treten kannst. Und Du kanntest niemanden, der Töpfe vom gleichen Hersteller gekauft hatte und Dir einen Tipp geben konnte. Heute kann ich es Dir ja sagen: Wir hörten Dich beim Kochen oft leise fluchen: “Nie wieder dieser Hersteller!”

Und genau an dieser Stelle kommt Social Media ins Spiel, liebe Tante Gerda.

Stell Dir vor, dass der Hersteller Deines alten Topfsets sich immer gefragt hat, warum er im Laufe der Jahre immer weniger davon verkauft hat. Er hat ab und zu in ein paar Tageszeitungen Werbeanzeigen geschaltet, hat zusammen mit dem einen oder anderen Kaufhaus ein Gewinnspiel veranstaltet. Aber bei ihm kamen nur ganz selten unverfälschte Informationen darüber an, was Käufer wie Du von seinen Töpfen überhaupt hält. Und wie die Kunden den Service fanden. Und was sie an den Töpfen verbessern würden. Der Hersteller hat jahrelang einfach immer weiter die Töpfe produziert und gehofft, dass Kunden wie Du schon damit zufrieden sind. Der Hersteller wusste, in welchen Gegenden er mehr – und in welchen Gegenden er weniger Töpfe verkaufte, aber er wusste nie genau warum. Er konnte nur spekulieren, dass dort Kunden wohnten, die ihren Nachbarn, Freunden und Verwandten bei ihrer Einkaufsentscheidung halfen und die Topfsets entweder empfohlen oder vom Kauf abrieten.

Firmen wie der Topfhersteller kommen zu mir, um mit mir zusammen zu überlegen, wie sie mit ihren Kunden direkt in Kontakt treten können. Sie möchten wissen, was die Kunden an ihren Produkten mögen und was nicht. Sie möchten wissen, welche Eigenschaften sich die Kunden für die Produkte wünschen. Sie möchten wissen, was die Kunden an Konkurrenzprodukten mögen und was nicht. Sie möchten individueller auf Kunden eingehen, weil es so viele Konkurrenten gibt, die ähnliche Produkte anbieten – und der Service heutzutage oftmals das einzige Unterscheidungskriterium ist, was einen Hersteller von einem anderen unterscheidet.

Im Web 2.0 treffen sich diese Kunden und tauschen untereinander genau diese Informationen aus. Und der Hersteller kann nicht kontrollieren, ob andere Kunden davon erfahren, wie viele Käufer das Produkt und den Service schlecht finden.

Was er aber tun kann, ist selbst zu diesen Treffpunkten zu gehen und dort direkt mit den Kunden zu reden. Denn in diesen Treffpunkten kann er nicht nur all das finden, was er sucht, sondern auch und vor allem selbst beim Austausch dabei sein und so direkt mit den Menschen reden, die seine Produkte kaufen: Er erfährt was die Menschen an seinen Produkten mögen, was sie nicht mögen, was sie ändern würden, erhält Anregungen für neue Produkte und kann aktiv daran mitgestalten, wie Kunden über ihn reden.

Das alles ist nicht nur gut für den Hersteller, sondern auch für Dich als Kunden, liebe Tante. Du kannst jetzt nämlich dem Hersteller sagen, dass die Topfdeckel wackeln, dass Du aber die Handgriffe magst, dass Du Dir aber wünschen würdest, dass es Töpfe gäbe, bei denen das Essen gar nicht erst anbrennen kann. Und wenn der Hersteller dann auf Deine Wünsche hört, seine Topfsets nach Deinen Vorstellungen baut, Du darum wieder seine Töpfe kaufst, Du sehr zufrieden mit dem neuen Topfset bist, Du freudestrahlend Deinen Nachbarn und Bekannten von den tollen Töpfen berichtest, der Hersteller plötzlich ganz viele Topfsets verkauft und Du jeden Abend andere Gäste bekochst, dann, liebe Tante Gerda, habt ihr beiden am eigenen Leib erfahren, wie Social Media geht.

Ich freue mich schon auf meinen nächsten Besuch bei Euch und vor allem auf Deine tollen Kohlrouladen. Grüß bitte Onkel Horst ganz lieb von mir!

Liebe Grüße

Dein Björn

Nichts geht mehr!

Er ist 17 Jahre alt, wohnt in Moskau, hatte keine Lust mehr auf langweilige Skype-Videochats und programmierte darum für sich und seine Freunde eine kleine Website, auf der sich Menschen mit anderen Menschen per Zufall miteinander verbinden lassen können. Keine Spielereien, nur zwei Webcambilder, ein Chatfenster und ein paar Button, mit denen man sich vom einen zum anderen zufälligen Chatpartner hangeln kann. Es geht kaum simpler – weder die Idee, noch die Umsetzung. Und genau darum funktioniert die Website.

Ohne, dass Andrey Ternovskiy für seine kleine Website Werbung gemacht hätte*, wuchs in kurzer Zeit die Zahl der Nutzer. Waren es anfangs nur bis zu 10 Leute, tummeln sich dort mittlerweile permanent mehr als 20000 Chatter gleichzeitig. Andrey, der trotz des überraschenden Hypes um seine Website alles noch allein programmiert*, ist ständig damit beschäftigt, seinen Code anzupassen und größere Server zu mieten, damit die Seite dem Ansturm der weltweiten Besucher standhält. 7 Server, die in Frankfurt am Main stehen, hat er mittlerweile gemietet, um den Traffic der hauptsächlich aus den USA kommenden Chatter zu meistern.

Die Massen sind fasziniert und nutzen die Videochatseite auf verschiedene Art und Weise. Casey Neistat, ein New Yorker Filmemacher, wollte es genauer wissen und hat sich dem Phänomen “Chatroulette” angenommen.

…and like most everyone else on the planet I quickly became obsessed.


chat roulette from Casey Neistat on Vimeo

Längst machen Screenshots von lustigen und schrägen Chatroulette-Begebenheiten die Runde durchs Internet. Ein glücklicher kanadischer Student hatte zum Beispiel das Glück, eine Weile mit Ashton Kutcher, dem meistgefolgten Mann auf Twitter (und nebenbei Schauspieler, Regisseur und Komiker), zu chatten. Mit Chatroulette Images gibt es auch schon eine eigene Website, die eine Sammlung von Screenshots aus Chatroulette-Chats zeigt.
Natürlich findet man auch auf Youtube bereits jede Menge Chatroulette-Videos.

[Update:] * In einem Interview, das SpiegelOnline mit Ternovskiy geführt hat, erzählt der Entwickler, dass er (anders, als es in den New York Times zu lesen war) Chatroulette anfangs in Foren beworben und mittlerweile vier Programmierer angestellt hat.

[Quellen: 1, 2]

Kann “Baue Deine eigene Tageszeitung” die Printmedien retten?

Printmedien sind nicht mein Ding. Seitdem ich regelmäßig online bin, erreichen mich Nachrichten und Informationen auf dem Bildschirm – und nicht auf Papier. Ich will nicht erst in der Tageszeitung vom Freitag die Ergebnisse der Champions-League-Spiele vom Mittwoch erfahren müssen, nur weil es den Redaktionsschluss um 22 Uhr gibt. Ich möchte die für mich relevanten Informationen erfahren, wann ich es will – also im Idealfall in dem Moment, in dem sie entstehen.
Die letzte Tageszeitung, die ich täglich in den Briefkasten geliefert bekommen habe, war im Jahr 2004 die Berliner Zeitung. Ich bekam sie 14 Tage lang kostenlos zugeschickt. Auch in der Zeit davor hielt ich höchstens dann Printmedien in den Händen, wenn ich entweder ein Probeabo (Spiegel, Tagesspiegel, Brand Eins, usw.) abgeschlossen hatte oder einmal alle vier Wochen im Magazinteil der Samstagausgabe der Berliner Zeitung blätterte, die meine Mutter abonniert hatte, weil sie so günstig an ein Jahresticket für die BVG kam.
Schon damals hatte das Produkt Papierzeitung für mich also kaum Relevanz.

Wenige Tage, bevor sich die webciety auf dem Panel “Medien & das Web 2.0” mit dem Thema beschäftigt (Gäste sind unter anderem der Chefredakteur von Zeit Online, Wolfgang Blau, und der Erste Chefredakteur von ARD-aktuell, Dr. Kai Gniffke), habe ich mich dazu entschlossen, einen Test durchzuführen.

niiu-logoIch probiere sechs Tage lang niiu aus. Niiu ist “Deutschlands erste individualisierte Tageszeitung”, die seit November 2009 die Vorteile der Nachrichtenbeschaffung online (freie und schnelle Wahl der Informationsquellen) mit dem Vorteil der Papierzeitung (Nachrichten auf Papier) verbinden möchte, indem jeder Abonnent die Inhalte seiner Tageszeitung selbst zusammenstellen kann.

“Deine niiu könnte also aus dem Wirtschaftsteil des Handelsblatts, dem Sportteil aus der Bild und dem Kulturteil des Tagespiegels bestehen oder vielleicht möchtest Du ausschließlich über Politik informiert werden und Dir dabei einen internationalen Überblick verschaffen. Es stehen Dir alle Möglichkeiten offen und Deine Auswahl kannst Du täglich neu kombinieren.”

Das will ich genauer wissen.

Am 24. Februar erschien die 100. Ausgabe von niiu – der perfekte Anlass, um mir das Prinzip “individuelle Tageszeitung” mal genauer anzusehen und mir einen Eindruck darüber zu verschaffen, ob niiu einen Beitrag zur Rettung der Printmedien leisten kann. Oder ob niiu nur eine Spielerei mit einem beknackten Namen ist, die keine Zukunft hat.

Die Konfiguration:
Ich beginne meinen Test auf niiu.de durch den Klick auf “6 Tage kostenlos testen”. Als erstes erfahre ich, dass ich die Konfiguration meiner persönlichen Zeitung bis 14 Uhr abgeschlossen haben muss, damit sie am nächsten Morgen im Briefkasten sein kann. Auf die Aktualität der Artikel soll sich das nicht auswirken. Ich hebe leicht irritiert die Augenbraue, fahre aber fort.
Auf der Folgeseite muss ich meine Postleitzahl eingeben, da niiu bisher nur in Berlin verfügbar ist. Ich habe Glück, denn laut meiner Postleitzahl wohne ich in Berlin.
Im folgenden Schritt habe ich die Wahl zwischen einer Blanko-Vorlage für meine Ausgabe und einer vordefinierten Ausgabe basierend auf einem Themengebiet (Wirtschaft, Politik, Sport, Kultur, International), das mich interessiert. Ich entscheide mich für die Blanko-Vorlage.
Nun geht es konkret los und ich kann die neun Ressorts (u.a. Titelseite, Seite 2&3, Politik, Meinung, Sport, Feuilleton) befüllen. Dazu klicke ich das gewünschte Ressort an und wähle die Tageszeitungen aus, die meine persönlichen Ressortseiten befüllen sollen. Ich beginne mit meinem Ressort Titelseite und entscheide mich für die Tageszeitungen Tagessspiegel, taz, New York Times und Handelsblatt.
Noch ist mir nicht ganz klar, ob ich in meiner individuellen Zeitung eine Titelseite bekommen werde, die aus den vier gewählten Titelseiten zusammengestellt wird oder ich die vier Titelseiten der Zeitungen bekomme und sich mein persönliches Ressort Titelseite über mehrere Seiten erstreckt. Verwirrend. Ein Infofeld verrät mir jedoch, dass die Seitenanzahl der unterschiedlichen Ressorts variieren kann, daher vermute ich, dass ich in meiner persönlichen Tageszeitung am nächsten Tag vier Titelseiten bekommen werde. Klingt erstmal komisch, aber ich harre einfach den Dingen, die da bald in meinem Briefkasten liegen.
Ich hangele mich nach dem gleichen Prinzip durch die anderen Ressorts. Da ich nicht genau weiß was es bedeutet, entscheide ich mich immer, wenn ich bei einer Zeitung eine Auswahl zu “Ich wünsche … Seite(n) dieses Ressorts” treffen muss, für die Antwort “2″.
Beim Ressort Feuilleton überkommt es mich kurz und ich wähle die BILD und Neues Deutschland.
Nachdem ich die Auswahl der Ressorts und Zeitungen abgeschlossen habe, suche ich einige Zeit nach einem Weiter-Button, den ich dann recht unscheinbar rechts am Rand der Navigation finde.
Auf der Folgeseite kann ich Internetinhalte auswählen. Ich bin kurz irritiert, denn ich dachte ich wäre bereits fertig, meine Zeitung zusammenzustellen, klicke mich aber dann doch durch die Ressorts, die jetzt Themen heißen und die Quellen, aus denen ich die Inhalte erhalten möchte. In den Auswahlfeldern entscheide ich mich aus Ahnungslosigkeit bei der Anzahl der Artikel pro Quelle für “keine Einschränkung” und “2 Tage” beim maximalen Alter der Nachrichten.
Mit einem Klick auf “Weiter” komme ich zur Layoutwahl. Dort kann ich meiner Zeitung einen Namen geben, sowie eine Grußbotschaft und ein Motto einfügen. Das ist schnell gemacht. Zusätzlich können Gadgets per Drag&Drop auf freie Felder der Zeitung gelegt werden. Ich ziehe das Wettergadget (mit Berlin als Ort) einmal und das Sudokugadget neun Mal (Schwierigkeitsstufe schwierig bis sehr schwierig) auf die weißen Flächen meiner Zeitung. Zuletzt wähle ich noch die Farboption “niiu Antenna rot” als Layout für meine Zeitung. Nach der Bestätigung, dass alle Inhalte, die ich dort hochlade, keine Rechte von irgendwem verletzen, klicke ich erneut auf “Weiter”.
Mittlerweile ist fast eine halbe Stunde vergangen, seitdem ich den Test begonnen habe. Ein Ende ist aber zum Glück abzusehen. Nun wähle ich aus den angebotenen Bestelloptionen den Punkt “Verabredet” aus, was mir sechs kostenlose Ausgaben der niiu bescheren soll. Ein letzter Klick auf “Weiter” bringt mich zur Abfrage der persönlichen Daten und nachdem das erledigt ist, klicke ich auf “Bestellen” und … lande wieder auf der vorherigen Seite. Nach einem kurzen Moment der Desorientierung bemerke ich, dass ich nicht das Wort “Bestellen”, sondern den Pfeil direkt daneben angeklickt habe, der mich wieder in der Navigation zurückgebracht hat. Also wieder zurück auf die richtige Seite, noch einmal das Passwort eintragen, auf “Bestellen” klicken und … ich bin fast fertig. Denn zum Abschluss des Bestellprozesses muss ich noch schnell meine Emailadresse validieren und mein Benutzerkonto aktivieren.
Nun ist es endlich geschafft. Es hat gut eine halbe Stunde gedauert, bis ich meine Wunschzeitung zusammengestellt hatte. Zum Glück muss ich das jetzt nicht jeden Tag machen, denn wenn ich keine Änderungen an der Konfiguration vornehme, wird meine individuelle Tageszeitung immer nach dem gleichen Schema zusammengestellt.

Die Navigation durch die Konfigurierung ist auf jeden Fall verbesserungswürdig, den das Navigationsmenü und vor allem die “Weiter”- und “Zurück”-Button verlieren sich zwischen Seitenheader und Content ziemlich. Die Konfiguration an sich lässt sich gut durchführen, auch wenn der absolute Neuling (in diesem Fall ich) nicht auf Anhieb bei allen Schritten weiß, was er tun muss, um ein bestimmtes Ergebnis zu erhalten (siehe Auswahlmenüs bei den Internetinhalten).

Niiu - persönliche TitelseiteDie Zeitung in der Hand:
Am nächsten Tag hole ich meine niiu aus dem Briefkasten und bin erstmal kurz verwundert, wirklich eine echte Tageszeitung in der Hand zu halten. Keine Ahnung was ich erwartet habe, aber dass ich wirklich weniger als einen Tag nach der Konfiguration echtes Zeitungspapier in der Hand halte, das ich selbst zusammengestellt habe, überrascht mich im ersten Moment.
Schon beim ersten Blick auf die Titelseite fällt mir negativ auf, dass die Werbung von Seite 2 sehr stark durchscheint. Als ich die Zeitung aufschlage, sehe ich, dass ich auf fast jeder Seite die gegenüberliegende Seite erkennen kann. Ist das Papier der niiu dünner oder ist das bei jeder Tageszeitung so auffällig?
Inhaltlich fallen mir nach dem “Bild des Tages”, das fast ein Drittel der Titelseite einnimmt, zuerst die Sudokus auf, die ich reichlich auf der Titel- und Rückseite meiner persönlichen Zeitung verteilt habe.
Die Artikel meiner Titel- und Rückseite bestehen komplett aus Pressemitteilungen des Presseportals. Mir wird schnell klar, warum, denn bei der Konfiguration habe ich den Fehler gemacht, die Anzahl der Artikel bei den Internetinhalten in den Auswahlfeldern nicht zu beschränken. So bekomme ich nicht einen einzigen Artikel der sieben anderen von mir ausgewählten Internetquellen zu lesen, weil für sie einfach kein Platz mehr ist.
Auf meiner persönlichen Seite 2 springt mir eine große BILD-Werbung entgegen. Ab der Seite 3 beginnt meine individuelle Auswahl der Zeitungen und Ressorts mit den Titelseiten von Tagesspiegel, taz, New York Times und Handelsblatt. Danach folgen, sortiert nach meinen Präferenzen, die weiteren Ressorts der Tageszeitungen, die ich ausgewählt hatte. Es stört mich etwas, dass die Seite 2 und Seite 3 des Tagesspiegels nicht auf gegenüberliegenden Seiten meiner niiu liegen, so dass ich parallel zum Zeitungsblättern den Browser öffne, um die Konfiguration meiner Zeitung anzupassen. Ich verschiebe einige Elemente meiner Zeitung, so dass zusammengehörige Inhalte (wie Seite 2 und Seite 3 einer Tageszeitung) auch wie gewohnt zusammen stehen.
Niiu - die zusammengestellten InhalteEinige der Vorteile der niiu, einzelne Ressorts aus verschiedenen Zeitungen auszuwählen, werden bei genauerer Betrachtung zu einem kleinen Nachteil. Zwei Beispiele:
Man bekommt in seiner persönlichen niiu nie einzelne Artikel oder Themenkomplexe, sondern immer 1:1-Kopien von Seiten der gewählten Zeitungen angeboten. Wird also in einer Zeitung wie dem Tagesspiegel auf Seite 2 ein Thema begonnen und im hinteren Teil der Zeitung fortgeführt (was öfter mal passiert), hat man als niiu-Leser in den meisten Fällen Pech, da man vorher nicht erahnen kann, auf welcher Seite in welchem Ressort ein Artikel oder eine Artikelserie fortgesetzt wird.
Auf beinahe jeder Seite der individuellen Zeitung trifft man auf ein unterschiedliches Seitenlayout, wenn man seine Zeitung nach Ressorts sortiert und nicht alle Ressorts einer Zeitung hintereinander geordnet hat, bevor man ausgesuchte Teile einer anderen Zeitung zu lesen beginnt. Das macht das Lesen der niiu unruhig, weil sich die Augen ständig an die verschiedenen Spaltenbreiten, Schriftarten und Schriftgrößen der einzelnen Zeitungen gewöhnen müssen.

Das Fazit:
Nach zwei Testausgaben konnte ich mir ein gutes Bild der niiu machen, um mir eine Meinung zum Konzept und den Chancen der individuellen Tageszeitung zu bilden. Ich kann die Argumentation derjenigen nachvollziehen, die Nachrichten, Reportagen und Hintergrundberichte lieber in einer Papierzeitung lesen und sich vehement gegen den Tod der Printmedien stemmen. Es fühlt sich echter an, eine Zeitung in der Hand zu halten und darin zu lesen. Genauso, wie es sich für Vinylliebhaber anfühlt, wenn sie eine Schallplatte auflegen, anstatt eine MP3 mit einem Doppelklick zu starten.

Die Nachteile überwiegen aber eindeutig.

Niiu ist für mich eine nette Spielerei, die ich gern mal für ein paar Tage getestet habe, mir aber keinerlei langfristigen Mehrwert bietet. Es bringt mir nichts, am Donnerstag Vorschauartikel zu Sportereignissen zu lesen, die bereits am Mittwoch abend stattgefunden haben. Ich bin nicht bereit, monatlich mehr als 20 Euro für veraltete Informationen auszugeben, die ich online schneller, übersichtlicher, interaktiver und vor allem kostenlos erhalten kann.
Gute und meinen normalen Informationshorizont erweiternde Artikel, Berichte und Reportagen, über die ich in einer Tageszeitung hin und wieder zufällig stolpere, finde ich auch im Internet. Nein, es muss heißen: sie finden mich. Ich folge in verschiedenen sozialen Netzwerken (wie z.B. Twitter) vielen Leuten, die mir täglich eine Vielzahl von guten Artikeln empfehlen, die ich gern lese. Gute journalistische Inhalte erreichen mich, ich muss nicht mal aktiv danach suchen.

Niiu hat für jemanden wie mich, der sich in der Regel online informiert, keine langfristige Bewandnis. Das Alleinstellungsmerkmal hat kurzzeitig Charme, wird mich aber unter keinen Umständen dazu bringen, für niiu Geld auszugeben. Beinahe jedes Argument pro niiu kann ich durch ein Argument pro online komplett entkräften. Zum Beispiel: Die Titelseiten verschiedener Tageszeitungen direkt aufeinanderfolgend in einer selbst zusammengestellten Zeitung zu haben, ist nett und guckt sich beim ersten Mal auch nett an. Wenn man aber das gleiche auch online haben und dort nicht nur aus knapp einem Dutzend, sondern aus über 800 Tageszeitungen auswählen kann, wird aus dem “nett” schnell die kleine Schwester von “Scheiße”.

Rentner Nostalgiker Zeitungsleser, die nicht auf ihre Tageszeitung verzichten wollen und sich gern ihre eigene Mischung aus verschiedenen Informationsquellen zusammenstellen möchten, finden bei niiu eine gute Alternative. Neue Zeitungsleser wird das niiu-Prinzip allerdings nicht anlocken. Vielleicht, aber nur vielleicht, überlege ich mir meine Meinung nochmal, wenn die Zeitung der Zukunft so aussieht.

Auf die täglichen Sudokus auf Papier werde ich allerdings wirklich ungern verzichten.niiu

Printmedien sind nicht mein Ding. Seitdem ich regelmäßig online bin, erreichen mich Nachrichten und Informationen auf dem Bildschirm – und nicht auf Papier. Ich will nicht erst in der Tageszeitung vom Freitag die Ergebnisse der Champions-League-Spiele vom Mittwoch erfahren müssen, nur weil es den Redaktionsschluss um 22 Uhr gibt. Ich möchte die für mich relevanten Informationen erfahren, wann ich es will – also im Idealfall in dem Moment, in dem sie entstehen.
Die letzte Tageszeitung, die ich täglich in den Briefkasten geliefert bekommen habe, war im Jahr 2004 die Berliner Zeitung. Ich bekam sie 14 Tage lang kostenlos zugeschickt. Auch in der Zeit davor hielt ich höchstens dann Printmedien in den Händen, wenn ich entweder ein Probeabo (Spiegel, Tagesspiegel, Brand Eins, usw.) abgeschlossen hatte oder einmal alle vier Wochen im Magazinteil der Samstagausgabe der Berliner Zeitung blätterte, die meine Mutter abonniert hatte, weil sie so günstig an ein Jahresticket für die BVG kam.
Schon damals hatte das Produkt Papierzeitung für mich also kaum Relevanz.

Wenige Tage, bevor sich die webciety auf dem Panel “Medien & das Web 2.0” mit dem Thema beschäftigt (Gäste sind unter anderem der Chefredakteur von Zeit Online, Wolfgang Blau, und der Erste Chefredakteur von ARD-aktuell, Dr. Kai Gniffke), habe ich mich dazu entschlossen, einen Test durchzuführen.

Ich probiere sechs Tage lang niiu aus. Niiu ist “Deutschlands erste individualisierte Tageszeitung”, die seit November 2009 die Vorteile der Nachrichtenbeschaffung online (freie und schnelle Wahl der Informationsquellen) mit dem Vorteil der Papierzeitung (Nachrichten auf Papier) verbinden möchte, indem jeder Abonnent die Inhalte seiner Tageszeitung selbst zusammenstellen kann.

“Deine niiu könnte also aus dem Wirtschaftsteil des Handelsblatts, dem Sportteil aus der Bild und dem Kulturteil des Tagespiegels bestehen oder vielleicht möchtest Du ausschließlich über Politik informiert werden und Dir dabei einen internationalen Überblick verschaffen. Es stehen Dir alle Möglichkeiten offen und Deine Auswahl kannst Du täglich neu kombinieren.”

Das will ich genauer wissen.

Am 24. Februar erschien die 100. Ausgabe von niiu – der perfekte Anlass, um mir das Prinzip “individuelle Tageszeitung” mal genauer anzusehen und mir einen Eindruck darüber zu verschaffen, ob niiu einen Beitrag zur Rettung der Printmedien leisten kann. Oder ob niiu nur eine Spielerei mit einem beknackten Namen ist, die keine Zukunft hat.

Die Konfiguration:
Ich beginne meinen Test auf niiu.de durch den Klick auf “6 Tage kostenlos testen”. Als erstes erfahre ich, dass ich die Konfiguration meiner persönlichen Zeitung bis 14 Uhr abgeschlossen haben muss, damit sie am nächsten Morgen im Briefkasten sein kann. Auf die Aktualität der Artikel soll sich das nicht auswirken. Ich hebe leicht irritiert die Augenbraue, fahre aber fort.
Auf der Folgeseite muss ich meine Postleitzahl eingeben, da niiu bisher nur in Berlin verfügbar ist. Ich habe Glück, denn laut meiner Postleitzahl wohne ich in Berlin.
Im folgenden Schritt habe ich die Wahl zwischen einer Blanko-Vorlage für meine Ausgabe und einer vordefinierten Ausgabe basierend auf einem Themengebiet (Wirtschaft, Politik, Sport, Kultur, International), das mich interessiert. Ich entscheide mich für die Blanko-Vorlage.
Nun geht es konkret los und ich kann die neun Ressorts (u.a. Titelseite, Seite 2&3, Politik, Meinung, Sport, Feuilleton) befüllen. Dazu klicke ich das gewünschte Ressort an und wähle die Tageszeitungen aus, die meine persönlichen Ressortseiten befüllen sollen. Ich beginne mit meinem Ressort Titelseite und entscheide mich für die Tageszeitungen Tagessspiegel, taz, New York Times und Handelsblatt.
Noch ist mir nicht ganz klar, ob ich in meiner individuellen Zeitung eine Titelseite bekommen werde, die aus den vier gewählten Titelseiten zusammengestellt wird oder ich die vier Titelseiten der Zeitungen bekomme und sich mein persönliches Ressort Titelseite über mehrere Seiten erstreckt. Verwirrend. Ein Infofeld verrät mir jedoch, dass die Seitenanzahl der unterschiedlichen Ressorts variieren kann, daher vermute ich, dass ich in meiner persönlichen Tageszeitung am nächsten Tag vier Titelseiten bekommen werde. Klingt erstmal komisch, aber ich harre einfach den Dingen, die da bald in meinem Briefkasten liegen.
Ich hangele mich nach dem gleichen Prinzip durch die anderen Ressorts. Da ich nicht genau weiß was es bedeutet, entscheide ich mich immer, wenn ich bei einer Zeitung eine Auswahl zu “Ich wünsche … Seite(n) dieses Ressorts” treffen muss, für die Antwort “2″.
Beim Ressort Feuilleton überkommt es mich kurz und ich wähle die BILD und Neues Deutschland.
Nachdem ich die Auswahl der Ressorts und Zeitungen abgeschlossen habe, suche ich einige Zeit nach einem Weiter-Button, den ich dann recht unscheinbar rechts am Rand der Navigation finde.
Auf der Folgeseite kann ich Internetinhalte auswählen. Ich bin kurz irritiert, denn ich dachte ich wäre bereits fertig, meine Zeitung zusammenzustellen, klicke mich aber dann doch durch die Ressorts, die jetzt Themen heißen und die Quellen, aus denen ich die Inhalte erhalten möchte. In den Auswahlfeldern entscheide ich mich aus Ahnungslosigkeit bei der Anzahl der Artikel pro Quelle für “keine Einschränkung” und “2 Tage” beim maximalen Alter der Nachrichten.
Mit einem Klick auf “Weiter” komme ich zur Layoutwahl. Dort kann ich meiner Zeitung einen Namen geben, sowie eine Grußbotschaft und ein Motto einfügen. Das ist schnell gemacht. Zusätzlich können Gadgets per Drag&Drop auf freie Felder der Zeitung gelegt werden. Ich ziehe das Wettergadget (mit Berlin als Ort) einmal und das Sudokugadget neun Mal (Schwierigkeitsstufe schwierig bis sehr schwierig) auf die weißen Flächen meiner Zeitung. Zuletzt wähle ich noch die Farboption “niiu Antenna rot” als Layout für meine Zeitung. Nach der Bestätigung, dass alle Inhalte, die ich dort hochlade, keine Rechte von irgendwem verletzen, klicke ich erneut auf “Weiter”.
Mittlerweile ist fast eine halbe Stunde vergangen, seitdem ich den Test begonnen habe. Ein Ende ist aber zum Glück abzusehen. Nun wähle ich aus den angebotenen Bestelloptionen den Punkt “Verabredet” aus, was mir sechs kostenlose Ausgaben der niiu bescheren soll. Ein letzter Klick auf “Weiter” bringt mich zur Abfrage der persönlichen Daten und nachdem das erledigt ist, klicke ich auf “Bestellen” und … lande wieder auf der vorherigen Seite. Nach einem kurzen Moment der Desorientierung bemerke ich, dass ich nicht das Wort “Bestellen”, sondern den Pfeil direkt daneben angeklickt habe, der mich wieder in der Navigation zurückgebracht hat. Also wieder zurück auf die richtige Seite, noch einmal das Passwort eintragen, auf “Bestellen” klicken und … ich bin fast fertig. Denn zum Abschluss des Bestellprozesses muss ich noch schnell meine Emailadresse validieren und mein Benutzerkonto aktivieren.
Nun ist es endlich geschafft. Es hat gut eine halbe Stunde gedauert, bis ich meine Wunschzeitung zusammengestellt hatte. Zum Glück muss ich das jetzt nicht jeden Tag machen, denn wenn ich keine Änderungen an der Konfiguration vornehme, wird meine individuelle Tageszeitung immer nach dem gleichen Schema zusammengestellt.

Die Navigation durch die Konfigurierung ist auf jeden Fall verbesserungswürdig, den das Navigationsmenü und vor allem die “Weiter”- und “Zurück”-Button verlieren sich zwischen Seitenheader und Content ziemlich. Die Konfiguration an sich lässt sich gut durchführen, auch wenn der absolute Neuling (in diesem Fall ich) nicht auf Anhieb bei allen Schritten weiß, was er tun muss, um ein bestimmtes Ergebnis zu erhalten (siehe Auswahlmenüs bei den Internetinhalten).

Die Zeitung in der Hand:
Am nächsten Tag hole ich meine niiu aus dem Briefkasten und bin erstmal kurz verwundert, wirklich eine echte Tageszeitung in der Hand zu halten. Keine Ahnung was ich erwartet habe, aber dass ich wirklich weniger als einen Tag nach der Konfiguration echtes Zeitungspapier in der Hand halte, das ich selbst zusammengestellt habe, überrascht mich im ersten Moment.
Schon beim ersten Blick auf die Titelseite fällt mir negativ auf, dass die Werbung von Seite 2 sehr stark durchscheint. Als ich die Zeitung aufschlage, sehe ich, dass ich auf fast jeder Seite die gegenüberliegende Seite erkennen kann. Ist das Papier der niiu dünner oder ist das bei jeder Tageszeitung so auffällig?
Inhaltlich fallen mir nach dem “Bild des Tages”, das fast ein Drittel der Titelseite einnimmt, zuerst die Sudokus auf, die ich reichlich auf der Titel- und Rückseite meiner persönlichen Zeitung verteilt habe.
Die Artikel meiner Titel- und Rückseite bestehen komplett aus Pressemitteilungen des Presseportals. Mir wird schnell klar, warum, denn bei der Konfiguration habe ich den Fehler gemacht, die Anzahl der Artikel bei den Internetinhalten in den Auswahlfeldern nicht zu beschränken. So bekomme ich nicht einen einzigen Artikel der sieben anderen von mir ausgewählten Internetquellen zu lesen, weil für sie einfach kein Platz mehr ist.
Auf meiner persönlichen Seite 2 springt mir eine große BILD-Werbung entgegen. Ab der Seite 3 beginnt meine individuelle Auswahl der Zeitungen und Ressorts mit den Titelseiten von Tagesspiegel, taz, New York Times und Handelsblatt. Danach folgen, sortiert nach meinen Präferenzen, die weiteren Ressorts der Tageszeitungen, die ich ausgewählt hatte. Es stört mich etwas, dass die Seite 2 und Seite 3 des Tagesspiegels nicht auf gegenüberliegenden Seiten meiner niiu liegen, so dass ich parallel zum Zeitungsblättern den Browser öffne, um die Konfiguration meiner Zeitung anzupassen. Ich verschiebe einige Elemente meiner Zeitung, so dass zusammengehörige Inhalte (wie Seite 2 und Seite 3 einer Tageszeitung) auch wie gewohnt zusammen stehen.
Einige der Vorteile der niiu, einzelne Ressorts aus verschiedenen Zeitungen auszuwählen, werden bei genauerer Betrachtung zu einem kleinen Nachteil. Zwei Beispiele:
Man bekommt in seiner persönlichen niiu nie einzelne Artikel oder Themenkomplexe, sondern immer 1:1-Kopien von Seiten der gewählten Zeitungen angeboten. Wird also in einer Zeitung wie dem Tagesspiegel auf Seite 2 ein Thema begonnen und im hinteren Teil der Zeitung fortgeführt (was öfter mal passiert), hat man als niiu-Leser in den meisten Fällen Pech, da man vorher nicht erahnen kann, auf welcher Seite in welchem Ressort ein Artikel oder eine Artikelserie fortgesetzt wird.
Auf beinahe jeder Seite der individuellen Zeitung trifft man auf ein unterschiedliches Seitenlayout, wenn man seine Zeitung nach Ressorts sortiert und nicht alle Ressorts einer Zeitung hintereinander geordnet hat, bevor man ausgesuchte Teile einer anderen Zeitung zu lesen beginnt. Das macht das Lesen der niiu unruhig, weil sich die Augen ständig an die verschiedenen Spaltenbreiten, Schriftarten und Schriftgrößen der einzelnen Zeitungen gewöhnen müssen.

Das Fazit:
Nach zwei Testausgaben konnte ich mir ein gutes Bild der niiu machen, um mir eine Meinung zum Konzept und den Chancen der individuellen Tageszeitung zu bilden. Ich kann die Argumentation derjenigen nachvollziehen, die Nachrichten, Reportagen und Hintergrundberichte lieber in einer Papierzeitung lesen und sich vehement gegen den Tod der Printmedien stemmen. Es fühlt sich echter an, eine Zeitung in der Hand zu halten und darin zu lesen. Genauso, wie es sich für Vinylliebhaber anfühlt, wenn sie eine Schallplatte auflegen, anstatt eine MP3 mit einem Doppelklick zu starten.

Die Nachteile überwiegen aber eindeutig.

Niiu ist für mich eine nette Spielerei, die ich gern mal für ein paar Tage getestet habe, mir aber keinerlei langfristigen Mehrwert bietet. Es bringt mir nichts, am Donnerstag Vorschauartikel zu Sportereignissen zu lesen, die bereits am Mittwoch abend stattgefunden haben. Ich bin nicht bereit, monatlich mehr als 20 Euro für veraltete Informationen auszugeben, die ich online schneller, übersichtlicher, interaktiver und vor allem kostenlos erhalten kann.
Gute und meinen normalen Informationshorizont erweiternde Artikel, Berichte und Reportagen, über die ich in einer Tageszeitung hin und wieder zufällig stolpere, finde ich auch im Internet. Nein, es muss heißen: sie finden mich. Ich folge in verschiedenen sozialen Netzwerken (wie z.B. Twitter) vielen Leuten, die mir täglich eine Vielzahl von guten Artikeln empfehlen, die ich gern lese. Gute journalistische Inhalte erreichen mich, ich muss nicht mal aktiv danach suchen.

Niiu hat für jemanden wie mich, der sich in der Regel online informiert, keine langfristige Bewandnis. Das Alleinstellungsmerkmal hat kurzzeitig Charme, wird mich aber unter keinen Umständen dazu bringen, für niiu Geld auszugeben. Beinahe jedes Argument pro niiu kann ich durch ein Argument pro online komplett entkräften. Zum Beispiel: Die Titelseiten verschiedener Tageszeitungen direkt aufeinanderfolgend in einer selbst zusammengestellten Zeitung zu haben, ist nett und guckt sich beim ersten Mal auch nett an. Wenn man aber das gleiche auch online haben und dort nicht nur aus knapp einem Dutzend, sondern aus über 800 Tageszeitungen auswählen kann, wird aus dem “nett” schnell die kleine Schwester von “Scheiße”.

Rentner Nostalgiker Zeitungsleser, die nicht auf ihre Tageszeitung verzichten wollen und sich gern ihre eigene Mischung aus verschiedenen Informationsquellen zusammenstellen möchten, finden bei niiu eine gute Alternative. Neue Zeitungsleser wird das niiu-Prinzip allerdings nicht anlocken. Vielleicht, aber nur vielleicht, überlege ich mir meine Meinung nochmal, wenn die Zeitung der Zukunft so aussieht.

Auf die täglichen Sudokus auf Papier werde ich allerdings wirklich ungern verzichten.

Open Data und e-Government – Initiativen für Transparenz und Offenheit

Eines der interessantesten Panels der kommenden Webciety findet am 4. März um 15 Uhr statt und trägt den Namen “Politik, Demokratie und das Web 2.0“.

Auf dieser Veranstaltung werden Markus Beckedahl, Anke Domscheit, Dr. Martin Lindner und Rolf Luehrs die Veränderungen diskutieren, die das Web 2.0 und die sozialen Medien auf die gesellschaftlichen und politischen Prozesse haben. Zwei Themen, die dabei ebenfalls eine Rolle spielen werden, sind Open Data und e-Government.

Linked Open DataWas ist Open Data?

Open Data bezeichnet das Bestreben, Wissen, Informationen und Daten für jedermann frei zugänglich zu machen.
Viele unterschiedliche Gruppierungen aus verschiedenen sozialen und politischen Bereichen suchen Wege und Mittel, um den gesellschaftlichen Übergang zur Wissensgesellschaft für alle Menschen gleichberechtigt möglich zu machen und die künstliche Verknappung von Informationsflüssen zu verhindern. Sie haben zum Ziel, die Zivilgesellschaft dadurch zu stärken, indem der freie Zugang zu Informationen eine Grundvoraussetzung wird.

Vor allem fordern die in Netzwerken und Gruppen organisierten Aktivisten den vollen und ungehinderten Zugang zu Daten aus Wissenschaft, Politik und Verwaltung – mit der Einschränkung, dass nur Daten, die keinen Datenschutz- oder Sicherheitsbeschränkungen unterliegen freigegeben werden sollen.
Diese Forderung wird mit zwei Argumenten begründet: zum einen sei die Erhebung und das Anlegen dieser Daten aus Steuergeldern der Bürger finanziert, was die Daten zu einem Allgemeingut mache; zum anderen sei der Zugang zu den Informationen von gesellschaftlichem Nutzen, da dadurch jeder einzelne Bürger die Möglichkeit bekomme, qualifizierte Entscheidungen für sein individuelles Wohl zu fällen, sowie politische und gesellschaftliche Prozesse für alle Bürger offen, transparent, verständlich und zum Wohle der Menschen gestaltet werden können.

Durch die technischen Möglichkeiten, Daten auf vielfältige Weise auszuwerten und zu analysieren, ergeben sich mit dem Ziel, sowohl einen allgemeingültigen als auch einen für jedes Individuum konkreten Nutzen zu erreichen, viele Potentiale für die Entwicklung neuer Anwendungen und Dienste.

Der Begriff Open Data wird seit etwa fünf Jahren verwendet und ist somit vergleichsweise neu. In der Wissenschaft wird das Konzept der offen verfügbaren und standardisierten Daten jedoch schon seit längerem thematisiert. Die zentrale Forderung besagt, dass wissenschaftliche Daten der Allgemeinheit gehören, da sie Fakten darstellen und daher nicht copyrightberechtigt sind. Im Jahr 2004 unterzeichneten die Wissenschaftsminister aller OECD-Staaten eine Vereinbarung, wonach alle Daten, die durch öffentliche Gelder erhoben werden, frei zugänglich sein sollen.

e-governmentWas ist E-Government?

Der technische Fortschritt, damit ist in diesem Fall hauptsächlich das Internet gemeint, ermöglicht nicht nur Privatleuten, sondern auch dem Staat im Dialog mit den Bürgern und staatlichen Institutionen in internen Prozessen vereinfachte Wege der Organisation und Durchführung von Informationsaustausch und Kommunikation. Zu diesem Zwecke werden zurzeit in vielen Nationen die Rahmenbedingungen geschaffen, um E-Government auf allen Ebenen zu etablieren. Besonders das innovations- und technologiefeindlicheängstliche Deutschland hinkt bei der Schaffung dieser Rahmenbedinungen Ländern wie den USA oder Großbritannien hinterher.

Neben technischen und rechtlichen Hürden gilt es dabei vor allem, die Akzeptanz der neuen Informations- und Kommunikationstechniken bei allen Bürgern (und vor allem Entscheidungsträgern) zu erreichen. Denn die Vorteile für beide Seiten (Bürger und Behörden) liegen auf der Hand: Der Bürger ist nicht mehr an Öffnungszeiten gebunden, um in Kontakt mit den Behörden zu treten oder individuelle Informationen zu erhalten. Er erhält einen besseren Einblick in die Abläufe und Regelungen, da ihm alle Formulare, Bestimmungen und Gesetze zur Verfügung gestellt werden. Behörden können viele Verwaltungsprozesse standardisieren und automatisieren, um Ressourcen für Sonderfälle zu schaffen, was Kosten spart, serviceorientierter wird und die Transparenz (und damit Akzeptanz bei den Bürgern) erhöht.

Bis es aber vor allem in Deutschland so weit ist, dass man sich nach einem Umzug einfach online ummelden kann oder für die Beantragung eines Reisepasses nicht mehr stundenlang im Bürgeramt warten muss, werden, besonders aufgrund der geringen Bereitschaft eines Großteils der Bevölkerung, sich innovativen Verwaltungsabläufen zu öffnen, noch ein paar Jahre ins Land gehen.

[Quellen: 1, 2, 3, 4, 5]

Digitale Aufklärung

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen.

immanuel_kantWir leben in seltsamen Zeiten. In Zeiten, in denen ein altgedienter Cyberspace-Protagonist mit wohlfeilen Warnungen vor dem digitalen Mob hausieren geht, in denen das Feuilleton einer großen Tageszeitung die Debatte über die durch das Internet ausgelösten gesellschaftlichen Veränderungen anführt, in denen die selbst ernannten Internet-Versteher nur noch zu ideologischen Reflexen einer präpotenten
Verteidigung aller technischen Neuerungen in der Lage sind. Ja, wir leben in interessanten Zeiten, in denen alle Zeichen darauf hindeuten, dass – wie schon so oft – die Techniken, die Werkzeuge uns ungeahnte Möglichkeiten bieten, aber auch weiter sind als die Gesellschaft, die sich ihrer bedienen soll oder muss.

Der Grad der (technischen) Vernetzung und die Geschwindigkeit, mit der Informationen über wichtige wie belanglose Ereignisse und über jeden User den einzelnen Internet-Nutzer erreichen, überfordern viele Anwender – das Wort vom Kontrollverlust nicht nur über die Privatsphäre, sondern gar über das eigene Denken macht die Runde. Social Networks vereinen Bekannte und Unbekannte, führen bei vielen Anwendern zu einer Art halböffentlichem Leben, in dem sie derzeit allzu oft nicht mehr wissen, was von ihrem Leben überhaupt noch privat und was öffentlich ist. Dabei steht ihnen nahezu jede Information, alles Wissen, jedes Info-Schnipsel, jede Äußerung anderer Nutzer nahezu in Echtzeit zur Verfügung. Wo immer man sich auch befindet, haben die Betreiber und Anbieter der allumfassenden Vernetzung bereits für Zugang und für Zugangsgeräte gesorgt. Das Versprechen der grenzenlosen mobilen Internet-Freiheit führte zuletzt zu einem Boom bei Smartphones; gleichzeitig aber setzen immer mehr Anbieter darauf, diese mobile Freiheit durch Apps zu kanalisieren und zu monetarisieren – wobei das Modell mit neuen Zugangsgeräten wie dem iPad oder den eBook-Readern auf das Netz allgemein ausgedehnt werden soll.

Der Nutzer bewegt sich in einem für ihn nicht mehr überschaubaren Raum aus Informationen, in dem seine eigenen Daten im Nebel verschwinden: Für den Anwender ist die Cloud, in der Anwendungen, Daten, Dienste zentral für die User im Echtzeit-Netz zur Verfügung gestellt werden, eine undurchsichtige Nebelwand, hinter der die eigene Persönlichkeit von Verkäufern durchforstet und analysiert wird. Selbst wer vorsichtig mit seinen persönlichen Daten umgeht, hat keine Entscheidungsmöglichkeit darüber, was durch Vernetzung der von ihm hinterlassenen Spuren über ihn herauszubekommen ist: Er erfährt es schlicht nicht, bzw. er erfährt im Zweifelsfall nur das Ergebnis.

Gleichzeitig aber begegnet das Echtzeit-Netz dem User als Wundertüte, die alles möglich macht. Seriöse Information, Unterhaltung, ein bisschen Spaß mit Verschwörungstheorien, Recherche für den nächsten Arztbesuch, Freunde treffen und finden, eigene Ideen und Gedanken selbst publizieren, das beste Restaurant in der Umgebung für das Essen mit den Schwiegereltern heraussuchen, an politischen Ereignissen partizipieren, Einfluss nehmen, konsumieren – alles kein Problem, alles hier und jetzt und sofort und jederzeit und gleichzeitig und für alle.

Ungeahnte Möglichkeiten. Die Apologeten sehen eine goldene neue Zeit heraufbrechen – wenn, ja wenn man doch endlich das neue Denken einübte und die Privatsphäre ad acta legte. Wer dazu nicht bereit ist, habe schlicht das Internet nicht verstanden. So einfach kann man es sich natürlich machen. Die vernetzten Welten (oder, um einmal den CeBIT-Slang zu gebrauchen, die “connected worlds”) erscheinen dann als Paradies, in dem sich eine technische und mediale Elite pfleglich einrichten und dem Volk sagen kann, wie denn das neue Denken auszusehen habe. Das Internet wird zur mythischen Maschine, die ein Eigenleben entwickelt und alles befreit – oder, in den Worten der Netz-Endzeitpropheten, alles verschlingt im Toben eines digitalen Mobs. Technikfetischismus, positiv oder negativ getönt, tauchte in der Geschichte immer wieder auf und führte immer in die Irre.

Die ideologiegetränkten Debatten Internet-Versteher vs. Endzeit-Propheten (unter gelegentlichen Einwürfen eines Internet-Ausdruckers vulgo: Internet-Nichtverstehers) sind nur noch langweilig. Und letztlich selbstreferentiell – stehen doch auf beiden Seiten selbst ernannte Eliten, die den Mob lediglich als (positiv besetztes oder schrecklich dräuendes) Proselyten-Material ansehen. Der Mob schaut verwundert ob der Misse- oder Wundertaten, die ihm da zugeschrieben werden. Seiner Wege zu ziehen aber fällt ihm schwer: In dieser digitalen Welt fehlen allzu oft genau die Informationen, um die Entscheidung fällen zu können, welche Misse- oder Wundertat denn nun als nächstes zu vollbringen ist.

Es geht schon lange nicht mehr um Pro und Contra. Nicht erst der Übergang vom Überall- zum Echtzeit-Internet verändert unser Denken. Es ist aber nur für einen informierten Nutzer, der keinen realen Kontrollverlust in Kauf nehmen muss, möglich, zu entscheiden, wie weit das gehen soll: Wie weit er sich auf die Simultanität von Ereignis und Information einlassen will, wie weit er mit der Gleichzeitigkeit seiner Handlungen gehen will, was er künftig unter Privatsphäre oder gar einem halböffentlichen Leben im Netz verstehen will. Nur ein informierter Nutzer kann entscheiden, wie weit die Kakophonie aus Wissen, Verschwörungstheorien, Gerücht, Information, Lüge und Wahrheit von ihm sortiert werden kann und befeuert sowie genutzt werden soll. Wer aber die umfassende Information über die Grundlagen seines Lebens im Netz einfordert und bekommt, kann auch entscheiden, beispielsweise seine Privatsphäre aufzugeben: Das ist seine Angelegenheit als autonomer Bürger der digitalen Welt. Dafür aber muss er die Kontrolle behalten und Werkzeuge entwickeln, eigene Regeln aufstellen, Filter einrichten, um Relevanz von Nichtigkeit, Spaß von Unsinn, Lüge von Wahrheit, Sinn von Unsinn unterscheiden zu können.

Die Fähigkeit zur Selbstbestimmung und Kontrolle ist eine Grundvoraussetzung für den Bürger als entscheidungsfähigem Einwohner der
digitalen Welt, der diese Regeln, Filter und Werkzeuge entwickelt. Diese Fähigkeit muss erkämpft werden – wie jede Freiheit, die verschwindet, wenn man sie nicht nutzt und nicht durch bewusste Entscheidungen erhält. Und sie muss durchgesetzt werden: Gegen die Konzerne, die das Echtzeit-Internet ohne Rücksicht auf Verluste und gegen den Kontrollanspruch der Nutzer vorantreiben, und gegen die
Internet-Apologeten, die eine eigene Teleologie des “Das Netz ist, wie es ist, weil es schon immer so gedacht war, und es wird auch immer so sein” etablieren. Das Internet verändert unser Denken – wer aber leugnet, dass unser Denken auch das Internet verändern (kann und soll), macht den Kontrollverlust real, macht die Geschwindigkeit zum Kriterium des Denkens und nicht die Autonomie, die Entscheidungsfähigkeit braucht.

Das Internet braucht eine digitale Aufklärung mit all ihrem kritischen Potenzial. “Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. [.. .] Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen.”

Oder, um es mit einem Interpreten zu sagen: “Unsere Autonomie wird durch unseren bisherigen Umgang mit dem Internet bedroht, ich glaube nicht, dass man sagen kann, das Internet sei von Beginn an verseucht. Das Medium hat uns aber in eine Überforderungssituation gebracht, die ideologisch ausgebeutet wird. Diese Überforderungssituation ist selbstverschuldet, denn sie ist nicht notwendig. Schließlich war die Welt immer schon unübersichtlich.”

Ja, wir leben in interessanten und seltsamen Zeiten. Das Internet ist kein Maschinengott einer digitalen Religion, an den wir glauben müssen, weil er immer schon das sein sollte, was er ist. Das Internet ist nicht der Teufel, der uns in die Hölle der vollständigen Bedeutungslosigkeit des Menschen stößt. Das Internet muss nicht das sein, was es heute ist. Menschen haben es dazu gemacht. Menschen – autonome entscheidungsfähige Bürger – können es verändern, bestimmen, in welche Richtung es sich entwickelt, wie sie es haben wollen. Dafür sind Techniker-Dissidenten sehr willkommen – oder, wie Frank Schirrmacher formulierte: “Die Informatiker müssen aus den Nischen in die Mitte der Gesellschaft geholt werden.” Wir müssen lernen zu entscheiden. Wie soll das Echtzeit-Internet unser Denken verändern? Wie soll unser Denken das Echtzeit-Internet verändern?