Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen.

immanuel_kantWir leben in seltsamen Zeiten. In Zeiten, in denen ein altgedienter Cyberspace-Protagonist mit wohlfeilen Warnungen vor dem digitalen Mob hausieren geht, in denen das Feuilleton einer großen Tageszeitung die Debatte über die durch das Internet ausgelösten gesellschaftlichen Veränderungen anführt, in denen die selbst ernannten Internet-Versteher nur noch zu ideologischen Reflexen einer präpotenten
Verteidigung aller technischen Neuerungen in der Lage sind. Ja, wir leben in interessanten Zeiten, in denen alle Zeichen darauf hindeuten, dass – wie schon so oft – die Techniken, die Werkzeuge uns ungeahnte Möglichkeiten bieten, aber auch weiter sind als die Gesellschaft, die sich ihrer bedienen soll oder muss.

Der Grad der (technischen) Vernetzung und die Geschwindigkeit, mit der Informationen über wichtige wie belanglose Ereignisse und über jeden User den einzelnen Internet-Nutzer erreichen, überfordern viele Anwender – das Wort vom Kontrollverlust nicht nur über die Privatsphäre, sondern gar über das eigene Denken macht die Runde. Social Networks vereinen Bekannte und Unbekannte, führen bei vielen Anwendern zu einer Art halböffentlichem Leben, in dem sie derzeit allzu oft nicht mehr wissen, was von ihrem Leben überhaupt noch privat und was öffentlich ist. Dabei steht ihnen nahezu jede Information, alles Wissen, jedes Info-Schnipsel, jede Äußerung anderer Nutzer nahezu in Echtzeit zur Verfügung. Wo immer man sich auch befindet, haben die Betreiber und Anbieter der allumfassenden Vernetzung bereits für Zugang und für Zugangsgeräte gesorgt. Das Versprechen der grenzenlosen mobilen Internet-Freiheit führte zuletzt zu einem Boom bei Smartphones; gleichzeitig aber setzen immer mehr Anbieter darauf, diese mobile Freiheit durch Apps zu kanalisieren und zu monetarisieren – wobei das Modell mit neuen Zugangsgeräten wie dem iPad oder den eBook-Readern auf das Netz allgemein ausgedehnt werden soll.

Der Nutzer bewegt sich in einem für ihn nicht mehr überschaubaren Raum aus Informationen, in dem seine eigenen Daten im Nebel verschwinden: Für den Anwender ist die Cloud, in der Anwendungen, Daten, Dienste zentral für die User im Echtzeit-Netz zur Verfügung gestellt werden, eine undurchsichtige Nebelwand, hinter der die eigene Persönlichkeit von Verkäufern durchforstet und analysiert wird. Selbst wer vorsichtig mit seinen persönlichen Daten umgeht, hat keine Entscheidungsmöglichkeit darüber, was durch Vernetzung der von ihm hinterlassenen Spuren über ihn herauszubekommen ist: Er erfährt es schlicht nicht, bzw. er erfährt im Zweifelsfall nur das Ergebnis.

Gleichzeitig aber begegnet das Echtzeit-Netz dem User als Wundertüte, die alles möglich macht. Seriöse Information, Unterhaltung, ein bisschen Spaß mit Verschwörungstheorien, Recherche für den nächsten Arztbesuch, Freunde treffen und finden, eigene Ideen und Gedanken selbst publizieren, das beste Restaurant in der Umgebung für das Essen mit den Schwiegereltern heraussuchen, an politischen Ereignissen partizipieren, Einfluss nehmen, konsumieren – alles kein Problem, alles hier und jetzt und sofort und jederzeit und gleichzeitig und für alle.

Ungeahnte Möglichkeiten. Die Apologeten sehen eine goldene neue Zeit heraufbrechen – wenn, ja wenn man doch endlich das neue Denken einübte und die Privatsphäre ad acta legte. Wer dazu nicht bereit ist, habe schlicht das Internet nicht verstanden. So einfach kann man es sich natürlich machen. Die vernetzten Welten (oder, um einmal den CeBIT-Slang zu gebrauchen, die “connected worlds”) erscheinen dann als Paradies, in dem sich eine technische und mediale Elite pfleglich einrichten und dem Volk sagen kann, wie denn das neue Denken auszusehen habe. Das Internet wird zur mythischen Maschine, die ein Eigenleben entwickelt und alles befreit – oder, in den Worten der Netz-Endzeitpropheten, alles verschlingt im Toben eines digitalen Mobs. Technikfetischismus, positiv oder negativ getönt, tauchte in der Geschichte immer wieder auf und führte immer in die Irre.

Die ideologiegetränkten Debatten Internet-Versteher vs. Endzeit-Propheten (unter gelegentlichen Einwürfen eines Internet-Ausdruckers vulgo: Internet-Nichtverstehers) sind nur noch langweilig. Und letztlich selbstreferentiell – stehen doch auf beiden Seiten selbst ernannte Eliten, die den Mob lediglich als (positiv besetztes oder schrecklich dräuendes) Proselyten-Material ansehen. Der Mob schaut verwundert ob der Misse- oder Wundertaten, die ihm da zugeschrieben werden. Seiner Wege zu ziehen aber fällt ihm schwer: In dieser digitalen Welt fehlen allzu oft genau die Informationen, um die Entscheidung fällen zu können, welche Misse- oder Wundertat denn nun als nächstes zu vollbringen ist.

Es geht schon lange nicht mehr um Pro und Contra. Nicht erst der Übergang vom Überall- zum Echtzeit-Internet verändert unser Denken. Es ist aber nur für einen informierten Nutzer, der keinen realen Kontrollverlust in Kauf nehmen muss, möglich, zu entscheiden, wie weit das gehen soll: Wie weit er sich auf die Simultanität von Ereignis und Information einlassen will, wie weit er mit der Gleichzeitigkeit seiner Handlungen gehen will, was er künftig unter Privatsphäre oder gar einem halböffentlichen Leben im Netz verstehen will. Nur ein informierter Nutzer kann entscheiden, wie weit die Kakophonie aus Wissen, Verschwörungstheorien, Gerücht, Information, Lüge und Wahrheit von ihm sortiert werden kann und befeuert sowie genutzt werden soll. Wer aber die umfassende Information über die Grundlagen seines Lebens im Netz einfordert und bekommt, kann auch entscheiden, beispielsweise seine Privatsphäre aufzugeben: Das ist seine Angelegenheit als autonomer Bürger der digitalen Welt. Dafür aber muss er die Kontrolle behalten und Werkzeuge entwickeln, eigene Regeln aufstellen, Filter einrichten, um Relevanz von Nichtigkeit, Spaß von Unsinn, Lüge von Wahrheit, Sinn von Unsinn unterscheiden zu können.

Die Fähigkeit zur Selbstbestimmung und Kontrolle ist eine Grundvoraussetzung für den Bürger als entscheidungsfähigem Einwohner der
digitalen Welt, der diese Regeln, Filter und Werkzeuge entwickelt. Diese Fähigkeit muss erkämpft werden – wie jede Freiheit, die verschwindet, wenn man sie nicht nutzt und nicht durch bewusste Entscheidungen erhält. Und sie muss durchgesetzt werden: Gegen die Konzerne, die das Echtzeit-Internet ohne Rücksicht auf Verluste und gegen den Kontrollanspruch der Nutzer vorantreiben, und gegen die
Internet-Apologeten, die eine eigene Teleologie des “Das Netz ist, wie es ist, weil es schon immer so gedacht war, und es wird auch immer so sein” etablieren. Das Internet verändert unser Denken – wer aber leugnet, dass unser Denken auch das Internet verändern (kann und soll), macht den Kontrollverlust real, macht die Geschwindigkeit zum Kriterium des Denkens und nicht die Autonomie, die Entscheidungsfähigkeit braucht.

Das Internet braucht eine digitale Aufklärung mit all ihrem kritischen Potenzial. “Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. [.. .] Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen.”

Oder, um es mit einem Interpreten zu sagen: “Unsere Autonomie wird durch unseren bisherigen Umgang mit dem Internet bedroht, ich glaube nicht, dass man sagen kann, das Internet sei von Beginn an verseucht. Das Medium hat uns aber in eine Überforderungssituation gebracht, die ideologisch ausgebeutet wird. Diese Überforderungssituation ist selbstverschuldet, denn sie ist nicht notwendig. Schließlich war die Welt immer schon unübersichtlich.”

Ja, wir leben in interessanten und seltsamen Zeiten. Das Internet ist kein Maschinengott einer digitalen Religion, an den wir glauben müssen, weil er immer schon das sein sollte, was er ist. Das Internet ist nicht der Teufel, der uns in die Hölle der vollständigen Bedeutungslosigkeit des Menschen stößt. Das Internet muss nicht das sein, was es heute ist. Menschen haben es dazu gemacht. Menschen – autonome entscheidungsfähige Bürger – können es verändern, bestimmen, in welche Richtung es sich entwickelt, wie sie es haben wollen. Dafür sind Techniker-Dissidenten sehr willkommen – oder, wie Frank Schirrmacher formulierte: “Die Informatiker müssen aus den Nischen in die Mitte der Gesellschaft geholt werden.” Wir müssen lernen zu entscheiden. Wie soll das Echtzeit-Internet unser Denken verändern? Wie soll unser Denken das Echtzeit-Internet verändern?