Nein, nein, nein, den offensichtlichen Kopfhörertrend 2011 zur “Neuen Klobigkeit” mache ich nicht mit. Sonst bin ich gern bei jedem Quatsch dabei, atombetriebenes Tablet, drahtlose Ladekabel, Trommelfell-Display, toll, gekauft. Aber das nicht. Leider sind auffällig viele Modelle dieses Jahr von ähnlich schneidender Eleganz wie die Rundziegelsteine auf dem Bild von einem zurecht ungenannt bleiben wollenden Hersteller. Immerhin ist so die Zahl der auszuprobierenden Kopfhörer kleiner geworden, außerdem bin ich sowieso eher Freund von In-Ear-Plugs. Um es gleich zu sagen, ich habe die erhofften Wunschkopfhörer gefunden und musste dafür nur etwa zwanzig verschiedene Vorführmodelle testen, sind der Medizin eigentlich durch Ohrenschmalzaustausch übertragene Krankheiten bekannt?

Das 5. CeBITsche Gesetz besagt, dass man grundsätzlich erst ein paar Sekunden bevor man erschöpft aufgeben möchte, das findet, was man sucht, und genauso war es auch, Samstag am Spätnachmittag auf der Zielgeraden der CeBIT stehe ich in Halle sowieso vor dem Stand von “Sonic Ear”*. Man ist ja an absurden pseudoenglischen Namen einiges gewohnt, aber “Schallohr”, meine Gutnis, ich bitte um Pardon. Zum Glück hat mein innerer Bastian Sick gerade Pause, deshalb gehe ich hinein. Ich frage nach dem besten Kopfhörer, bekomme ihn – aber auch der Werbespruch auf der Packung bringt eine gewisse Untiefe mit sich, “Not your ordinary Earplug”, das hat man schon so oft gelesen, dass die sicherste Art not ordinary zu sein inzwischen ist, einfach ordinary zu sein. “Your ordinary Earplug”, die wären doch sofort ausverkauft (ausser sie wären klobig). Das Vorführmodell ist flugs angelegt – und boom, oder vielmehr unboom. Denn sie schliessen schall- und gefühlt auch luftdicht, das muss man schon mögen, um es zu mögen.

Ein schneller Buttontouch-Knopfdruck auf Random und das hämisch grinsende Schicksal wirft Calvin Harris’ “It was acceptable in the 80ies” in den Ring, die Hymne von Irokesien, meine Hymne. Ein Lied mit einem famosen Basslauf, der auf den normalen Apple-Kopfhörern als zirpiges Schallfolienknarzen erscheint, so bassintensiv, als würden ein paar Fünfjährige auf Helium die Communards a cappella imitieren. Die Schallohren dagegen: tadellos, hervorragend sogar. Der Calvin-Harris-E-Bass klingt tief und dröhnend wie berstender Gletscher, ja, ich kann das beurteilen, ich war schon mal beim Perito Moreno (VORSICHT, Link führt zu einem Enya-verseuchten Video). Und vor allem kann man so laut stellen, dass Passanten mit Kopfhörern einen bitten, die Musik leiser zu stellen. Ich bin kein Experte im Beschreiben von Klangerlebnissen, aber es ist toll. Als würde die Musik in der Mitte des Kopfes entstehen. Realistisch geschätzt ist im direkten Umfeld wegen der passgenauen Dichte der Gummipinöppel alles unterhalb einer Autobombe akustisch nicht wahrnehmbar. So sollen Kopfhörer sein, sie sollen die offensichtlich von Eric-Satie-Fans erdachten EU-Vorschriften zur Wahrung des Volkshörvermögens gekonnt missachten, sie sollen im Bedarfsfall gletscheresk Wummern ohne Folienknistern und sie sollen jedem Fremdschall gegenüber feindlich und abwehrend gesonnen sein.

Jedenfalls bin ich nun im Besitz eines solchen Paars, als Werbegeschenk oder für fünfzig Euro gekauft, ich habe vergessen, was von beidem auf der CeBIT verboten und was erlaubt war und das Erlaubte war es dann nachträglich. Wenn man so schnell und heftig begeistert ist wie ich, vergisst man jedoch leider recht oft, die Randbedingungen zu checken und dann liegt die gebuchte Ferienwohnung im dritten Tiefgeschoss unter einer Gerberei oder der Gebrauchtwagen ist nur für Gibraltar zugelassen oder so. So auch hier: die Kopfhörer haben zwar ein Mikrophon, das allerdings klingt beim telefonieren so mittel, Zitat Holm Friebe: “Bist du gerade in einer Gruft?”

Darüberhinaus fehlt der Knopf zur Songweiterschaltung, den ich wegen eines extrem phasendifferierenden Musikgeschmacks – was ich gestern liebte, finde ich heute abstossend – beim Shuffeln ständig benötige. Und dennoch bereue ich die Entscheidung für meine neuen Kopfhörer nicht, und das liegt neben dem basssatten Bass vor allem an der Zugabe von mehreren Dutzend Ersatzpinöppeln (siehe Foto unten). Da ich den Pinöppelverlust unterwegs vom Qualfaktor irgendwo zwischen Waterboarding mit Lakritzesirup und Schlagerparade ansiedeln würde, ist das ein nicht hoch genug einzuschätzender Gewinn. Man kann in jede verfügbar Tasche vier bis acht Ersatzpinöppel hineintun und wird sich nie wieder in überraschend pinöppellosen Situationen wiederfinden, was man ja schon seinem zweit- bis drittärgsten Feind nicht mehr wünscht. In-Ear-Plug-Mission accomplished.
* nach längerer Recherche hat sich gezeigt, dass der Markenname eigentlich Sonic Gear ist, nur ist das G ungünstig über das C gelegt im Logo. Ich ändere das jetzt aber nicht mehr, selbst Schuld, Sonic Ear. Hier kann man sie (in Malaysia) bestellen, danke für den Hinweis, @sebbbster.