Cloud Computing. Eines der Buzzwörter der letzten Jahre in der Internetbranche. Was Cloud Computing dabei genau bezeichnet, variiert immer ein bisschen anhand dessen, was derjenige, der darüber spricht, einem gerade verkaufen will.

Zum einen bezeichnet Cloud Computing die Möglichkeit, Webspace und Server flexibel anmieten zu können. Der Unterschied zum herkömmlichen Hosting liegt in der eben angesprochenen Flexibilität: Besonders für Startups, die dank Presse und/oder Social Media auf einmal mit immensem Wachstum konfrontiert sind, ist Cloud Computing sinnvoll. Statt jeden Tag in’s Datencenter zu fahren und ein, zwei weitere Server anzuschließen, fügt man einfach mit ein, zwei Klicks mehr Rechenpower hinzu und zahlt nach Nutzung. Das bekannteste und erfolgreichste Cloud-Computing-Angebot dieser Art sind die Amazon Web Services (AWS), die sich kontinuierlich weiterentwickeln. AWS wird mittlerweile aufgrund der bequemen Flexibilität von vielen jungen Web-Startups eingesetzt. Gründer, die stattdessen auf eigene Server gesetzt haben, bedauern das mitttlerweile.

Weil es von eben jenen Startups eingesetzt wird, wird Cloud Computing oft auch synonym für Webapplikationen, die zum Beispiel Desktop-Software ersetzen können, verwendet. (Die genaue Bezeichnung hierfür ist eigentlich SaaS, Software as a Service.) Das ist das Cloud Computing des kleinen Surfers: Software-Ersatz in der Wolke. Wikipedia fasst die Gemeinsamkeit gut zusammen:

Im Zentrum steht dabei die Illusion der unendlichen Ressourcen, die völlig frei ohne jegliche Verzögerung an den tatsächlichen Bedarf angepasst werden können.

So weit, so gut. Alles in der Wolke, statt auf dem Desktop.

Was aber, wenn man die eigenen Daten nicht Web-Startups anvertrauen will und stattdessen die Kontrolle gern behalten möchte? Hier kommt die Idee der ‘Personal Cloud’ zum Tragen. Kurz gesagt geht es darum, auf einem eigenen Server alle Dienste zu betreiben, die man gern so betreiben möchte: Von der kollaborativen Tabellenkalkulation über den eigenen Social-Network-Knoten bis hin zum eigenen Mikrobloggingdienst.

Drummon Reed schreibt über die nicht unbedingt neue Idee der ‘Personal Cloud’, die unter anderen Namen bereits seit geraumer Zeit vorhanden ist, aber dank Cloud-Computing-Begriffsverbreitung auch von ‘normalen’ Nutzern verstanden werden kann. Was zeichnet Personal Clouds aus? Reed verweist auf ein Blogpost von Chuck Hollis, VP Global Marketing CTO bei EMC, und fasst zusammen:

1) control, 2) convenience, 3) permanent archive.

Schauen wir uns die drei Punkte genauer an. Der erste Punkt ist klar. Wer die eigene Status.net-Instanz oder das eigene Diaspora in der eigenen Wolke betreibt, hat mehr Kontrolle über die eigenen Status-Updates und privaten Nachrichten. Kein Mitarbeiter von Twitter oder Facebook kann dem in die Daten-Suppe spucken. Auch für Unternehmen kann die Kontrolle der eigenen in der Cloud abgelegten Dienste für Email und Online-Office interessant sein, um einem möglichen Kontrollverlust zu entgehen.

Aus Gründen der Dramatik schieben wir Punkt Zwei nach hinten und schauen uns zunächst den dritten Punkt an: Ein permanentes Archiv. Wer seine eigene Cloud betreibt, hat auch die Kontrolle über alle Daten, die man dort über die Zeit ablegt. Wer Twitter seit längerer Zeit nutzt, weiß, dass das sinnvoll sein kann. Twitter hält ältere Tweets nicht vorrätig. Sie sind in der Twitter-Suche nicht auffindbar und auch über die API (Programmierschnittstelle) nicht mehr abrufbar. Mittlerweile ist Google mit der Archivierung alter Tweets zur Hilfe geeilt, aber die Problematik dürfte offensichtlich sein. Auch Dienste wie die jüngst gestartete persönliche Cloudsuchmaschine Greplin zeigen einen Bedarf, der vielleicht besser innerhalb einer Personal Cloud abgedeckt wäre: Greplin durchsucht Webdienste wie Dropbox, Google Docs und Twitter. Statt einem zusätzlichen Dienst Zugriff auf die persönlichen Daten zu gewähren, könnte man mit einer Personal Cloud das alles innerhalb der eigenen Wolke abklären.

Kommen wir nun zum Knackpunkt, dem Punkt zwei: Bequemlichkeit. Dave Winer, Blogger-Urgestein und unter anderem Miterfinder des RSS-Standards, bezeichnet Tools wie Tumblr als ‘Corporate Blogging Silos’. Silos also, aus denen man die eigenen reingebloggten Daten nicht so leicht wieder herausbekommt. Um den Leuten zu zeigen, wie leicht sie einen eigenen Server mit AWS betreiben können, hat Winer nun unter dem schönen Namen EC2 for Poets eine verständlich geschriebene Anleitung zur Einrichtung eines EC2-Servers online.

Schaut man sich die Anleitung an, wird klar, dass der Betrieb eines EC2-Servers, Winer zum Trotz, nicht unbedingt etwas für Poeten ist. Es ist schlicht zu kompliziert. Die Bewegung, die Errungenschaften der letzten Webjahre von zentralen Anbietern zu dezentralisieren, steht noch relativ am Anfang. Es werden also mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einige Innovationen in den nächsten Jahren kommen, die das Betreiben von SaaS in der eigenen persönlichen Wolke einfacher und einfacher machen.

Aber die grundlegende Unterscheidung bleibt: Wer alles selbst betreibt, muss dafür auch mehr Aufwand in Kauf nehmen. Wer die Wahl hat, wird sich deswegen nicht zwingend für die dezentrale Lösung entscheiden.

Wenn wir also einen kühnen Blick in die Zukunft werfen und dort weit verbreitete dezentrale Social Networks und dezentrale Mikroblogging-Dienste sehen, dann wird bei ersterem der größte Knoten Facebook sein und bei letzterem Twitter – so es denn überhaupt zu Dezentralisierung kommt.

Warum? Verschiedene Menschen haben verschiedene Präferenzen. Der eine mag die Kontrolle und das Basteln, der andere Bequemlichkeit. In der Regel werden die meisten Menschen immer Bequemlichkeit bzw. einfache Handhabung vorziehen, wenn sie die Wahl haben. (Deswegen ist es auch wichtig, dass die Open-Source-Gemeinde sich mehr mit User Interfaces und einfacher Instandhaltung (sprich Update-Prozesse) beschäftigt, weil nur diese bei vergleichbarem Feature-Angebot eine weit verbreitete Nutzung sicherstellen können.)

Ein Beispiel, um das zu verdeutlichen: Email ist das wohl offenste und verbreiteste Kommunikationsprotokoll im Netz. Jeder, der einen einsfuffzig-pro-Monat-Webspace sein eigen nennt, bekommt damit auch sein eigenes Email-Postfach. Die Emails kann man über einen Webclient oder über einen der unzähligen Desktop-Clients abrufen. Dezentraler wird es nicht. Trotzdem erfreut sich ein Angebot wie GMail größter Beliebtheit. Warum?

Zwei Aspekte:

  1. Google bietet in GMail viele Features an, das es über die Werbung refinanziert. Zu den Features gehören auch die Einfachheit der Handhabung, nahtlose Integration in andere Systeme wie Android usw. Mit GMail hat man es relativ einfach, es kostet nichts, und die Feature-Reichhaltigkeit leidet nicht.
  2. Zentrale Webdienst-Anbieter können Features anbieten, die man anders sonst nicht bekommt. In der Regel sieht das so aus: Der Anbieter hat Zugriff auf die Daten aller User und kann die Auswertung dieser zum Wohle des einzelnen Users einsetzen. Bei GMail manifestiert sich das zum Beispiel im überaus effektiven Spamfilter.

Mit beidem muss die ‘Personal Cloud’ konkurrieren. Während ersteres durchaus im Konkurrenzkampf zugunsten der ‘Personal Cloud’ ausgehen kann, sieht es bei zweiterem anders aus: Hier ist die persönliche Wolke systemisch im Nachteil.

Unabhängig von den eben gemachten Äußerungen ist es natürlich sinnvoll für Endnutzer, wenn sie die grundsätzliche Wahl haben zwischen zentralem Alles-aus-einer-Hand-Anbieter und dem eigenen Bastelkasten. WordPress und Email sind also eher die Vorzeigebeispiele als Twitter und Facebook. Wenn auch letzteres sich mit der eigenen Plattform immer weiter öffnet. (Was wiederrum zu Datenschutzfragen führt, die immer auch mit offenen Systemen einhergehen. Aber das ist ein Thema für einen anderen Tag.)

Passend zum Thema und ausgesprochen spannend ist auch die neu gegründete Freedom Box Foundation. Netzpolitik.org fasst das Ziel der Foundation zusammen:

Freedom Boxes werden kleine stromsparende Privat-Server (‘plug server‘) sein, die man einfach zu Hause stehen hat, und auf denen dezentrale soziale Netzwerke wie zum Beispiel Diaspora oder Statusnet, eigene Mailserver etc. laufen sollen, um das Internet und unsere Nutzung wieder so dezentral zu organisieren, wie es sich für ein demokratisches Medium gehört. Die Nutzer bekommen so wieder autonome Kontrolle über Ihre Daten, und das Netz wird unanfällig gegen Zensur.

Die Ausrichtung auf Nutzerfreundlichkeit ist die richtige Richtung. In der New York Times ist ebenfalls ein Artikel zur Freedom Box Foundation erschienen.